Anwenderbericht

04.12.13

Praxistest NV MINOX NV 351

Praxistest NV MINOX NV 351

Testzeitraum: Dezember bis Juli

Einsatzgebiet: Jagd in Wald und Flur

Testperson: Technikerprobter Militärveteran

Gerätepreis: UVP = € 349,00 Straßen/Onlinepreis € 230,00

Nachsichtgeräte im LowBudget-Bereich haben den zweifelhaften Ruf nichts zu taugen und werden als Spielzeug für Kinder und nicht als Equipment für gestandene echte Männer gesehen. Echte Männer und Profis haben Nachtsichtgeräte, die bei € 2.500,00 anfangen. Wer nun das MINOX NV 351 mit den 10mal teureren Geräten in Konkurrenz treten lässt, der wird wohl nur ein müdes mitleidvolles Lächeln bekommen. Doch grade das motivierte mich festzustellen, ob David NV 351 eine Chance gegen die Goliath-Riege hat.

Zuerst jedoch mal ein Test auf Augenhöhe:

Ich teste das MINOX NV 351 mit 3 NV-Geräten gleicher oder niedrigerer Preisklasse. Doch dieser Test hat sich nach weniger als 2 Stunden erledigt. In Sachen Verpackung, Verarbeitung und Bedienung spielt das MINOX NV 351 in einer ganz anderen Liga. Und der Vergleich der optischen Leistung ist von den Billiggeräten der Konkurrenz so weit weg, als würde man einen Formel 1 Wagen mit einem Golf vergleichen. Der Test auf Augenhöhe führte also dazu, dass man keinen Vergleich zu Stande bekommt, selbst wenn man beide Augen zudrückt. Wobei das bei einigen Geräten keinen Unterschied machte, denn man hat damit auch mit offenen Augen nicht viel mehr gesehen…

Nun denn, wenden wir nun der Königsklasse zu und vergleichen das unschuldig und schüchtern wirkende MINOX NV 351 mit den Machogeräten der „Ich habe meinen Vollmond immer dabei“-Fraktion. Aber kann sich ein Gerät für € 250,00 gegen 10mal teurere Geräte behaupten? Nun, schauen wir uns mal den Testeinsatz an:

Die Testumgebung ist der jagdliche Einsatz, wie er in Deutschland zulässig ist. Einsatzzweck ist das sichere Ansprechen und das Anbringen des tödlichen Schusses mit Lichtverhältnissen, die außerhalb der Möglichkeiten von Zielfernrohr und Fernglas liegen. Als Testwaffe wurde ein HK MR308 mit EOTech und eine Remington 700 mit 12x56Leupold benutzt. Das Fernglas war ein Zeiss Dialyt 8x56t und ein Steiner Nighthunter Extreme.

Durch meine Zeit als Offizier der Army ist mir die Funktionsweise von NV im praktischen Einsatz bestens bekannt. Und gleich vorweg: JA, je teurer die Geräte, desto hochwertiger sind sie. Aber: Es kommt auf den Einsatzzweck an. Wenn ich ein Auto nur zum Brötchen holen um die Ecke brauche, dann muss es kein Porsche sein. Ok, klar, mit dem Porsche kann man vor dem Laden schön ein auf dicke Hose machen, aber dadurch schmecken die Brötchen auch nicht besser. Und genauso ist es hier: Einsatzzweck ist das sichere Ansprechen und das Anbringen des tödlichen Schusses mit Lichtverhältnissen, die außerhalb der Möglichkeiten von Zielfernrohr und Fernglas liegen.

In der praktischen Anwendung des MINOX NV 351 zeigt sich sehr schnell, was das Gerät kann und was es nicht kann. Fangen wir mit den nicht so guten Eigenschaften an: Der IR-Strahler ist für Ziele unter 40m zu hell. Bei völliger Dunkelheit, kein Mond oder geschlossener Wolkendecke ist der IRS für solche kurze Distanzen ok. Aber der Schuss ist dann nur noch in Kombination mit einem EOTech möglich, weil auch bei dem teuersten Zielfernrohr irgendwann das Licht aus ist.

Zum EOTech sei vermerkt, dass es zwei Ausführungen gibt. Eine unterstützt in der Darstellung des Leuchtpunktes ein NV, die andere nicht. Ich habe beide getestet und festgestellt, dass mit NVfunktion die Kombination perfekt ist. Allerdings wird der Leuchtpunkt auch ohne NVfunktion im MINOX NV 351 brauchbar dargestellt.

Als Tip für den Einsatz sollte man das MINOX NV 351 vor dem Auge haben, welches nicht durch das ZF schaut und dann mit beiden offenen Augen schießen. Das erfordert einige Übung, bringt aber die besten Ergebnisse. Beim EOTech passt es perfekt hinter die Optik, bei einem normalen ZF geht’s wegen des Augenabstandes nicht.

Vor dem ersten Einsatz ist die erste Scharfstellung schwierig. Man muss vorn drehen, dann wieder hinten, dann vorn ein bisschen nachstellen, dann hinten korrigieren, dann vorn korrigieren…
Wenn man es aber erst mal hat, dann sieht man auch was.

Auf freier Bahn kann man mit dem MINOX NV 351 auf 120m ein Ziel ansprechen, wo bei einem Highend-Fernglas schon bei 50m Schluss ist!!!
Plötzlich auftretende Lichtquellen stressen das Auge sehr, weil man natürlich in dieser Preisklasse keine Schutzschaltung hat. Auch Hindernisse, die näher am User sind als das Ziel, blenden extrem bei eingeschaltetem IRs. Beim Einsatz im Wald musste ich die Linse vorn so zukleben, dass ich nur noch ein Schussfeld von 1m auf 50m hatte. Hier ist das Einsatzgebiet wohl nur die Kirrung.

Auf Wiesen und Feldern zeigt sich jedoch die wahre Stärke des MINOX NV 351:
Auf freier Bahn kann man mit dem MINOX NV 351 auf 120m ein Ziel ansprechen, wo bei einem Highend-Fernglas schon bei 50m Schluss ist!!!
Genau das ist es worauf es ankommt. Ich sehe von weitem da kommt was, identifiziere es und schieße bei 50m. Die Vorlaufzeit von 120m zu 50m hat sich selbst bei einer gesprengten Rotte als völlig ausreichend herausgestellt. Teurere Geräte mit längerer Distanz braucht man nicht.
Man muss aber darauf hinweisen, dass man auf 100m nur etwa 1,5m scharf sieht, der Rest ist die Randunschärfe, die man von Ferngläsern kennt und sich im MINOX NV 351 sehr stark auswirkt. Ziehendes Wild zu beschießen ist auf Distanzen von >50m nur mit sehr guten Schiessfertigkeiten möglich.

Der Kontrast vom MINOX NV 351 liegt weit unter dem der 10mal teureren Geräten. Aber das spielt keine Rolle, denn ich muss die Konturen des Wildes klar erkennen und der Wildkörper muss sich klar von der Umgebung abgeheben. Ob das das Wild nur in einer Farbe, in verschiedenen Schattierungen oder rosa-gestreift dargestellt wird, spielt für das Antragen des Schusses keine Rolle. Ergo, mehr Geld für mehr Kontrast hilft nicht weiter.

Genauso wenig Sinn macht es, mehr Geld für weitere Beobachtungsdistanzen auszugeben. Was nützt es mir, wenn ich das Wild bereits auf 400m ankommen sehr, aber solche Freiflächen nicht vorkommen oder vom Wild nicht genutzt werden??? In den verschiedenen Revieren hatte ich immer eine klare Ansprechentfernung von 100 – 120m. Die von MINOX angegebenen Leistungsdaten sind zu gering und in der Praxis deutlich besser als beworben.

Obwohl ich immer Ersatzbatterien dabei hatte, hat erstaunlicherweise die erste Batterie 5 Monate gehalten.
Wünschenswert wäre eine Kopfhalterung, damit man die linke Hand frei für die Waffe hat.

Das MINOX NV 351 ist hervorragend verarbeitet und macht schon beim Auspacken einen hochwertigen stabilen Eindruck. Es macht auch nichts, wenn es mal vom Hochstand aus der Tasche fällt oder man es im Rucksack vergisst und sich auf selbigen drauf setzt…
Leider konnte ich nicht testen, wie die optische Leistung durch das Mündungsfeuer abnimmt. Ich werde dazu im Winter einen Test mit 200 Schuss verteilt auf 2 Stunden nachreichen.

Fazit: Wenn man professionelle Nachtsichttechnik kennt und angewendet hat, dann ist man begeistert und erstaunt, welche jagdliche Brauchbarkeit man für die paar Euro bekommt. Auch nach diesem Test kann man sagen, dass ein Nachtsichtgerät für € 250,00 nicht mit Geräten für € 2.500,00 vergleichbar ist, aber ganz entscheidend ist die Frage, ob man für den Einsatzzweck mehr als ein MINOX NV 351 braucht!
Und die Antwort ist ganz klar und einfach und lässt der teuren Konkurrenz die Gesichtszüge entgleisen:

Man findet im jagdlichen Einsatz einfach keine Gründe, um mehr Geld auszugeben als das MINOX NV 351 kostet.

Mehr Nachtsichttechnik als das MINOX NV 351 braucht für die Jagd kein Mensch.

D. Steinke